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500 Nächte ohne Wecker

06:15 Uhr. Die Augen sind schwer, der Kopf benommen. Doch das Smartphone auf dem Nachttisch macht unüberhörbar deutlich: Es ist Zeit, aufzustehen!

Morgens nach festem Terminplan den Schlaf abrupt zu beenden ist normal. Spätestens ab dem Kindergartenalter wird man zu einer bestimmten Uhrzeit geweckt – eine Uhrzeit, die von äusseren Faktoren wie Schule, Arbeit und Terminen definiert wird.

Dass ich über Jahre hinweg mit schwerem Kopf meine Arbeit verrichtete, und abends beim Zusammentreffen mit Freunden oft kaum die Augen offenhalten konnte, schien mir nicht aussergewöhnlich. Ein engagiertes Leben kostet Energie, also ist man müde. Geht ja allen so, dachte ich mir.

Erst 2009, als meine Frau und ich eine ausgedehnte Reise durch Südamerika machten, merkte ich, dass es anders sein kann. Nach einigen Wochen ohne morgendliche Termine fühlte ich mich munter, wie ich es mir gar nicht mehr vorstellen konnte. Da dämmerte mir, dass der Dämmerzustand nicht das Normale sein kann.

Noch glaubte ich weiter an den Wecker, aber vielleicht würde eine sanftere Methode helfen. Ich experimentiere mit rudimentären Smartphone-Apps, welche die Bewegungen messen und basierend darauf den richtigen Moment fürs Wecken innerhalb eines vorgegebenen Zeitfensters finden sollten. Doch die Apps waren unzuverlässig und irgendwelche Kabel oder Bänder für ausgeklügeltere Systeme anziehen wollte ich dann doch nicht.

Also begann ich, näher zu beobachten, wieviel Schlaf ich wirklich brauche. Ich stellte bald fest, dass es mehr ist, als ich meinte. Um mich richtig gut zu fühlen, brauche ich regelmässig rund 8,5 Stunden.

In der Praxis fehlte mir davon jede Nacht eine Stunde oder mehr. Der Aufbau einer Firma erfordert Einsatz. Der Besuch eines Fitnesscenters lag auch nur morgens vor der Arbeit drin, da abends oft noch andere Pläne warteten. Das addierte sich schnell. Jede Woche fehlte in der Summe der Schlaf einer ganzen Nacht.

Ich wurde mir meiner Müdigkeit immer bewusster und verabscheute immer mehr den morgendlichen Zwang, beim Weckerklingeln aufzustehen.

So versuchte ich vermehrt, den Wecker an den paar wenigen Tagen, wo keine zwingende zeitliche Verpflichtung wartete, ausgeschaltet zu lassen. Regelmässig führte dies aber zu anderem Stress, da ich später erwachte, als erhofft. Rückblickend gesehen kein Wunder, denn der Körper versuchte fehlenden Schlaf aufzuholen. Erst dann würde er sich neu einpendeln können.

Dann kam die Pandemie. Die Welt lag erst mal still, und ich ebenso. Die ruhigere Zeit im Geschäft nutzte ich, um dem Körper den benötigten Schlaf zu gönnen. Es dauerte mehere Monate, doch dann war es wieder da, dieses Gefühl von Lebensenergie. Die Schlafdauer pendelte sich langsam ein – wenn ich um etwa 23 Uhr ins Bett ging, wachte ich regelmässig um etwa 7:30 Uhr morgens auf, auch ohne Wecker.

Nun war für mich klar, dass sich das nicht mehr ändern sollte. Der richtige Moment für ein dauerhaft weckerloses Leben war gekommen. Dank bleibendem Home-Office kann morgens die Zeit des Arbeitswegs gespart werden. Einen zugemieteten Bastelraum haben wir zum Fitnessraum gemacht, so dass auch abend schon wenige Minuten nach Feierabend trainiert werden kann. Termine versuche ich bewusst nicht vor 9 Uhr anzusetzen.

Seit etwa 500 Nächten lebe ich jetzt weckerlos. Die wenigen Ausnahmen kann ich wohl an einer Hand abzählen. Munter zu sein ist der neue Normalzustand und ich nehme sehr deutlich wahr, wann ich zu wenig geschlafen haben und auch, wann ich das Manko wieder aufgeholt habe.

Das Aufwachzeitfenster bleibt dabei erstaunlich konstant. Meistens erwache ich irgendwann zwischen 07:00 und 07:30 Uhr, ungeachtet, wann ich ins Bett gehe. Die Fussball-Europameisterschaft, mit vielen Spielen bis gegen Mitternacht, hat so zu kürzeren Nächten geführt – und zu einem spürbaren Schlafentzug. Eine Woche mit vorgezogener Bettzeit habe ich nach dem fussballintensiven Monat gebraucht, um mich wieder fit zu fühlen.

Schlaf wird in unserer Gesellschaft unterbewertet. Wer im Geschäft erfolgreich sein wolle, müsse den Tag um 5 Uhr früh starten, promoten viele selbsternannte Business-Gurus. Frühaufsteher werden als fleissig wahrgenommen, Spätaufsteher als faul.

Da pfeif ich drauf. Dass Schlafmangel zu Unproduktivität, Fehlern, schlechter Laune und Unfällen führt, wird oft ignoriert. Ich habe gelernt, dass ausgeschlafen zu sein der beste Zustand ist, den es gibt. Dabei bin ich bin mir bewusst, dass nicht jede Arbeit und Familiensituation die Freiheiten bietet, die ich mir dabei nehme. Doch jeder Lebensumstand bringt seine Vor- und Nachteile mit sich. Die Vorteile soll und darf man geniessen.

So freue ich mich, den Wecker auch heute Abend einfach ausgeschaltet zu lassen.

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