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Gemeinsam geschrieben: Gedanken und Rohfassung von Manuel Reinhard, ausformuliert von Claude (KI). Mehr zum Experiment
Den Bach ab
Ich habe «Enshittification: Why Everything Suddenly Got Worse and What to Do About It» von Cory Doctorow gelesen. Doctorow ist kanadisch-britischer Autor und Netzaktivist und hat den marketingmässig cleveren Begriff «Enshittification» 2022 geprägt. Das Buch beschreibt, warum so viele einst geliebte Plattformen und Produkte bachab gegangen sind und heute keine Freude mehr machen.

So geht eine Plattform bachab
- Köder auslegen: Die Plattform ist grosszügig zu ihren Nutzern.
- Geschäftskunden anlocken: Sie verschlechtert das Angebot für die Nutzer, um Geschäftskunden zu ködern.
- Geschäftskunden ausnehmen: Sie presst auch die Geschäftskunden aus und behält den ganzen Wert für sich.
Am Ende: ein riesiger Haufen Mist.
Paradebeispiel Facebook
- Köder: Facebook brachte Menschen zusammen und versprach, anders als MySpace, niemanden auszuspionieren. Weil alle meine Freunde da waren, blieb ich auch. Der Lock-in schnappte zu.
- Firmen anlocken: Das Versprechen fiel. Facebook überwachte seine Nutzer und verkaufte Werbekunden präzises Targeting. Dazu mischte es Firmeninhalte in den Feed, die niemand abonniert hatte. Man nahm es hin, denn die Freunde waren ja da. Die Firmen gewöhnten sich an die günstige Reichweite und wurden abhängig, weil sie Kunden brachte.
- Geschäftskunden ausnehmen: Dann mussten die Firmen dafür zahlen, dass ihre Inhalte überhaupt noch ankamen, sogar bei den eigenen Followern. Gehen kostet: Die einen verlieren ihre Kontakte, die anderen ihre Kunden.
Alle sind unzufrieden, aber niemand kann gehen.
Amazon
- Köder: Mit Prime war der Versand schon bezahlt. Amazon wurde so zur ersten Anlaufstelle, wenn man etwas kaufen wollte. Der Lock-in schnappte zu.
- Händler anlocken: Amazon verkaufte Produkte von Dritten teils sogar unter dem Einkaufspreis. Die Händler erreichten damit ein riesiges Publikum und machten sich abhängig.
- Geschäftskunden ausnehmen: Werbung wurde quasi zur Pflicht, die Gebühren stiegen, und Amazon kopierte erfolgreiche Produkte der Händler. Oben steht, wer zahlt, nicht wer das beste Produkt hat.
Woanders ist es auch nicht billiger: Amazon verbietet den Händlern, anderswo günstiger zu verkaufen. Den Amazon-Aufschlag zahlt man so überall.
Die Kunden zahlen mehr, die Händler verdienen weniger, und Amazon kassiert doppelt.
Schalten und walten
Sobald ein Lock-in besteht, kann eine Firma schalten und walten, wie sie will. Das gilt für Plattformen, aber auch für Werkzeuge, von denen andere abhängig sind. Wer gefangen ist, geht nicht so schnell, also lässt sich an Preisen und Regeln beliebig schrauben.
- Google macht die Suchresultate absichtlich schlechter. Wer nicht sofort findet, was er sucht, sucht noch einmal und bekommt so noch mehr bezahlte Werbung vorgesetzt.
- Uber zahlt Fahrern weniger, sobald der Algorithmus merkt, dass sie fast jede Fahrt annehmen. Wer wählerisch ist, bekommt bessere Angebote. Laut Buch verlangt Uber zudem von Kunden mit fast leerem Handy-Akku höhere Preise, weil diese unter Zeitdruck jeden Preis akzeptieren. Uber streitet das aber ab.
- Adobe entfernte die Pantone-Farben aus seinen Programmen. Wer sie weiter nutzen wollte, brauchte ein eigenes Pantone-Abo, sonst erschienen sie in bestehenden Dateien plötzlich schwarz.
- Unity wollte 2023 von Spieleentwicklern eine Gebühr für jede Installation ihrer Spiele kassieren, auch für bereits veröffentlichte Spiele, die mit der längst bezahlten Software gebaut wurden. Als wollte der Pinselhersteller an jedem verkauften Bild des Malers mitverdienen. Nach massivem Widerstand der Entwickler krebste Unity zurück.
- Adobe stellte 2013 komplett aufs Abo um. Seither gibt es die Programme nur noch zur Miete, ähnlich wie bei Microsoft, das Office zunehmend nur noch als Microsoft 365 anbietet.
- Apple lässt auf dem iPhone nur den eigenen App Store als Verkaufskanal zu und kassiert bis zu 30 % Provision auf Käufe und Abos. Auf günstigere Wege ausserhalb dürfen Apps nicht einmal hinweisen. Eine Praxis, die mittlerweile in vielen Ländern bröckelt.
- TikTok verschafft ausgewählten Creatorn heimlich kurzzeitig enorme Reichweite. Beflügelt vom scheinbaren Erfolg schwärmen sie anderen von der Plattform vor und locken so neue Creator an. Intern heisst das «heating».
Macht statt Innovation
Irgendwann reicht es Plattformen, ihre Macht zu halten, statt Neues zu schaffen.
- Google zahlt Apple jährlich rund 20 Milliarden Dollar, um auf dem iPhone die Standard-Suchmaschine zu sein.
- Facebook kaufte Instagram und wiederholt dort sein Plattform-Spiel. Google macht dasselbe mit YouTube.
- Amazon unterbietet die Preise externer Händler, bis diese aufgeben oder sich aufkaufen lassen. So geschehen mit dem Windel-Shop Diapers.com.
Und jetzt?
Die Lösungsvorschläge im Buch sind vor allem politischer Natur: mehr Wettbewerb durch strengere Kartellgesetze, Regulierung und das Recht, Dienste zu wechseln und Daten mitzunehmen.
Für mich ist eine andere Erkenntnis wichtiger: Plattformen sind besonders anfällig dafür, bachab zu gehen.
Wer heute auf eine Plattform setzt, ob als Händler oder Privatperson, sollte sich fragen: Wie leicht komme ich wieder raus?
Wer eine Plattform betreibt, darf sich fragen: Wie weit bin ich um des Profits willen schon bachab gegangen?
Und ich fühle mich bestärkt, dass es vor 16 Jahren der richtige Weg war, Ticketpark bewusst nicht als Plattform aufzubauen. So können wir uns auf echten Kundennutzen und Qualität konzentrieren.
